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Neue Studie von Ökonomen der Universität Duisburg-Essen: Seltener Steuervermeidung und aggressive Bilanzgestaltung in Unternehmen, wenn Arbeitnehmer mitbestimmen

Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung vom 16.7.2020

Unternehmen mit starker Mitbestimmung durch Beschäftigte nutzen deutlich seltener legale Spielräume in Bilanzierungsregeln, um beispielsweise ihre Gewinnsituation kurzfristig positiver darzustellen, als das vergleichbare Firmen mit schwacher oder ohne Mitbestimmung tun. Auch aggressive Steuervermeidung betreiben Unternehmen im Durchschnitt signifikant seltener, wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Aufsichtsrat und über Betriebsräte mitbestimmen. Das ergibt eine neue Studie, in der Forscher der Universität Duisburg-Essen um Prof. Dr. Marc Eulerich mehrere hundert im Börsenindex CDAX notierte Unternehmen beleuchten. „Mitbestimmung führt zu einer geringeren Ausnutzung von Bilanzierungs- und Steuergestaltungsspielräumen“, resümieren die Wissenschaftler, „was mit einer besseren langfristigen Performanz verbunden ist.“ Denn Unternehmen mit „aggressiver“ Bilanz- und Steuergestaltung weisen lediglich kurzfristig eine höhere Profitabilität aus. Nach spätestens drei bis vier Jahren sinkt ihre Rentabilität unter das Niveau der Firmen, die weniger offensiv vorgehen. Damit wirke der Mitbestimmungs-Effekt nicht nur positiv auf die Finanzausstattung der öffentlichen Hand, sondern auch auf die langfristige Stabilität von Unternehmen. Zumal den überschaubaren wirtschaftlichen Vorteilen erhebliche Risiken gegenüberstehen: „Je aggressiver Steuern vermieden oder Bilanzspielräume ausgenutzt werden, desto höher ist die Gefahr von Sanktionen.“ Zudem leide das Vertrauen von Anlegern und Gläubigern, wenn beispielsweise Bilanzen korrigiert werden müssen, schreiben die Ökonomen in ihrer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung. „Somit unterstreicht diese Studie, dass starke Mitbestimmung zu einer verantwortungsbewussten und weitsichtigen Unternehmensführung beiträgt.“

Spektakuläre Unstimmigkeiten in Unternehmensbilanzen sorgen immer wieder für Schlagzeilen, so wie derzeit beim Finanzdienstleister Wirecard. Manipulationsskandale beim US-Energiekonzern Enron oder dem Möbelkonzern Steinhoff vernichteten tausende Arbeitsplätze und Milliarden Euro an Anlagekapital. Jenseits von offenem Betrug ist die Abgrenzung zwischen illegalen Praktiken und dem Ausreizen von legalen Gestaltungsmöglichkeiten in Bilanzvorschriften und Steuergesetzen auch für hochqualifizierte Experten nicht selten eine Gratwanderung. Gleichzeitig gehört bilanzielle „Optimierung“, die legale Spielräume in den Gesetzen nutzt, um kurzfristig Gewinne aufzupeppen oder zeitlich und räumlich so zu verlagern, dass Steuerzahlungen gedrückt werden, oft zum Management-Alltag. Prof. Dr. Marc Eulerich und sein Ko-Autor Benjamin Fligge sprechen in diesem Zusammenhang von „aggressiver Berichterstattung“. Zu den bekannten Praktiken zählt zum Beispiel der legale Transfer von Gewinnen in Offshore- und sonstige Niedrigsteuergebiete.

Die internationale Forschung, welche die Wissenschaftler ausgewertet haben, zeigt, dass vor allem kurzfristig orientierte Anteilseigner ein Interesse daran haben, wenn über Bilanzgestaltung Ergebnisse gepusht werden, weil „der höhere Gewinn eine höhere maximale Dividende ermöglicht und gleichzeitig zu Kursgewinnen führt.“ Auch Manager könnten davon kurzfristig über höhere Boni profitieren, schreiben die Ökonomen. Zwar kehre sich der Boost via Bilanzgestaltung in den Folgejahren regelmäßig ins Gegenteil um. Bis dahin sind Kurzfrist-Aktionäre wie Hedgefonds aber oft längst wieder ausgestiegen. Weniger populär seien solche Kniffe und insbesondere die „aggressive“ Suche nach Steuerschlupflöchern bei vielen Familienunternehmern sowie in Firmen, an denen der Staat beteiligt ist.

Normale Beschäftigte hätten dagegen kein Interesse daran, dass ihr Unternehmen „aggressive Berichterstattung“ betreibt, konstatieren die Wissenschaftler. Wer fest bezahlt wird und auf Dauer auf seine Arbeitsstelle angewiesen ist, habe von aufpolierten Gewinnen wenig bis keinen Vorteil, eine Destabilisierung des Unternehmens könne aber drastische Folgen haben. Die langfristige Perspektive der Beschäftigten ist für die Ökonomen auch die zentrale Erklärung für ihr empirisches Ergebnis, dass stärker mitbestimmte Unternehmen deutlich häufiger auf „aggressive“ Bilanzgestaltung und Steuervermeidung verzichten. „Statt kurzfristig Gewinne durch risikoreiche Bilanzierungspraktiken zu erhöhen, berichten Unternehmen mit starker Mitbestimmung eher konservativ und erzielen deshalb langfristig höhere Gewinne“, betonen die Forscher der Universität Duisburg-Essen.

Detaillierte Daten für Hunderte CDAX-Unternehmen ausgewertet

Für die neue Studie haben die Ökonomen Daten von Unternehmen untersucht, die zwischen 2006 und 2017 im übergreifenden deutschen Börsenindex Composite DAX (CDAX) gelistet waren und deren Verhalten bei Bilanzierung und Steuerzahlung sich über mehrere Jahre identifizieren ließ. Die dafür notwendigen umfangreichen Daten waren nicht für alle CDAX-Mitglieder verfügbar, trotzdem konnten die Wissenschaftler über Datenbanken und die Auswertung von Geschäftsberichten große Stichproben realisieren: Die Bilanzierungsstrategie konnte bei 405 Unternehmen durchleuchtet werden, das Verhalten in Punkto Steuervermeidung bei 317 Unternehmen.

Zur Abgrenzung von unterschiedlichen Bilanzierungs- und Steuerstrategien orientierten sich die Wissenschaftler an gängigen betriebswirtschaftlichen Modellen zur Bilanzanalyse. Ob die Verankerung der Mitbestimmung in den untersuchten Unternehmen über- oder unterdurchschnittlich stark ist, bestimmten die Forscher über den von Dr. Robert Scholz und Dr. Sigurt Vitols am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) entwickelten Mitbestimmungsindex (MB-ix). Er verzeichnet unter anderem für jedes Unternehmen, wie viele Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und dessen Ausschüssen sitzen, wie stark die formellen Einflussmöglichkeiten des Kontrollorgans sind oder ob es einen europäischen Betriebsrat gibt. Als stark mitbestimmt werden in der Untersuchung Unternehmen bezeichnet, wenn sie im Vergleich zur Gesamtgruppe eine überdurchschnittlich stark verankerte Mitbestimmung haben und als schwach mitbestimmt, wenn sie unterdurchschnittlich ist. Die festgestellten deskriptiven Unterschiede zwischen stärker und schwach/nicht mitbestimmten Unternehmen haben die Forscher durch vertiefte Regressionsanalysen auf statistische Signifikanz abgesichert.

Höhere Steuerzahlungen, weniger „Gestaltung“ in der Bilanz mit Mitbestimmung

Die Datenanalyse zeigt deutliche Zusammenhänge zwischen Mitbestimmung und Steuerzahlungen von Unternehmen. Stark mitbestimmte Unternehmen haben im Untersuchungszeitraum leicht höhere Steuerraten, und sie leisten deutlich höhere Steuerzahlungen als Firmen mit wenig oder ohne Arbeitnehmerbeteiligung. Bei den Steuerzahlungen beträgt die Differenz zwischen beiden Gruppen durchschnittlich gut vier Prozentpunkte im Untersuchungszeitraum zwischen 2006 und 2017. Die Unterschiede sind aus Sicht der Forscher besonders bedeutsam, weil kein größeres Unternehmen freiwillig „mehr als nötig“ Steuern bezahlen dürfte und sich überall Profis um das Thema kümmern. Wer die Steuerzahlungen nennenswert unter den Durchschnitt drücken wolle, müsse dazu also eher auch zu „aggressiver“ Steuervermeidung bereit sein.

Ein weiterer Indikator für das Ausmaß legaler Steuervermeidung sind Abweichungen zwischen der Handels- und der Steuerbilanz. Sehr vereinfacht gesagt, zeigen sie, in welchem Maße Unternehmen versuchen, Gewinne legal an der Steuer vorbei zu schleusen. Dieses aufwendig berechnete statistische Maß lässt sich am besten grafisch darstellen. Grafen zeigen an, wie stark oder wenig „aggressiv“ Unternehmen agieren: Je weiter sie sich im positiven Bereich über Null bewegen, desto offensiver nutzen sie legale Spielräume zur Steuergestaltung aus. Fazit der Wissenschaftler: Es wird deutlich, „dass auch bei dieser Messung stark mitbestimmte Unternehmen weniger aggressiv wirken als Unternehmen mit schwächerer Mitbestimmung. Über die meisten Jahre ist auch hier ein klarer Unterschied zwischen beiden Gruppen erkennbar.“ Interessanter Nebenbefund: auch im allgemeinen Durchschnitt hätten die analysierten CDAX-Unternehmen zwischen 2006 und 2017„nicht übertrieben aggressiv Steuervermeidung betrieben“.   

Wenn es darum geht, Gewinne durch Nutzung von Bilanzspielräumen kurzfristig legal „aufzupumpen“ oder nicht, schneiden stark mitbestimmte Firmen nach Analyse der Forscher ebenfalls besser, im Sinne von weniger „aggressiv“ ab. Das zeigen ihre Berechnungen mit dem in der BWL gängigen Jones-Model, das in zwei Varianten existiert und wiederum am besten grafisch darstellbar ist. Unternehmen, die wenig mit Bilanzierungsspielräumen hantieren, bewegen sich in der Nähe der Nulllinie, und das relativ konstant. Dagegen weisen Werte über dem Grenzwert Null darauf hin, dass Bilanzspielräume eingesetzt werden, um den Gewinn höher auszuweisen. Werte unter Null sind ein Indiz dafür, dass über Bilanzmechanik ein geringerer Gewinn ausgewiesen wird. Fazit der Forscher: Stark mitbestimmte Unternehmen liegen meist relativ nahe bei null und zwar tendenziell etwas darunter. „Unternehmen mit unterdurchschnittlicher Mitbestimmung hingegen sind meist über dem Grenzwert und meist über dem Niveau der stark mitbestimmten Unternehmen, was darauf schließen lässt, dass diese Unternehmen häufiger Bilanzierungsspielräume ausnutzen, um die wirtschaftliche Lage besser darzustellen, als sie tatsächlich ist“, schreiben Eulerich und Fligge.     

Nur kurzfristig profitabler bei „aggressiver“ Bilanzgestaltung, danach kippt das Bild

Abschließend haben die Betriebswirtschaftler untersucht, wie die untersuchten Unternehmen über einen längeren Zeitraum wirtschaftlich abgeschnitten haben. Dazu ermittelten sie die Gesamtkapitalrentabilität (Return on Assets, ROA). Diese gibt den Gewinn als Prozentanteil der Bilanzsumme von Unternehmen an und wird als weitverbreitete Kennzahl für die Rentabilität des eingesetzten Kapitals verwendet. Über fünf Jahre verglichen die Wissenschaftler den ROA jener Unternehmen, die Bilanzierungsspielräume „aggressiv“ nutzten, um die Gewinne zu erhöhen mit jenen, die das nicht taten. Indirekt umfasst die Gegenüberstellung beider Gruppen also auch einen Vergleich zwischen Unternehmen ohne/mit schwacher Mitbestimmung gegenüber Unternehmen mit starker Mitbestimmung.

Ergebnis: Wenig überraschend, wies die Gruppe der Unternehmen mit „aggressiver“ Bilanzierung im Durchschnitt zunächst einen signifikant höheren ROA auf. Doch der Vorsprung schmolz bereits im zweiten untersuchten Jahr kräftig zusammen. Nach drei bis vier Jahren kehrte sich der Trend um, danach lagen die Unternehmen mit zurückhaltendem Bilanzierungsverhalten durchschnittlich klar vorne. „Es zeigt sich, dass die Unternehmen, die Bilanzierungsspielräume aggressiv ausnutzen, im Durchschnitt zunächst eine bessere Performanz ausweisen, aber langfristig eine geringere Performanz erzielen“, schreiben die Forscher.      

Weitere Informationen:

Marc Eulerich, Benjamin Fligge: Aggressive Berichterstattung in deutschen Unternehmen. Der Einfluss der Mitbestimmung auf die Ausnutzung von Bilanzierungs- und Steuergestaltungsspielräumen (pdf) Mitbestimmungsreport Nr. 62 der Hans-Böckler-Stiftung, Juli 2020.

Die Pressemitteilung mit Grafiken (pdf) 

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